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Hilfe für die "vergessenen Kinder"

Der Verein "Schutzengel gesucht" hat viel in Bosnien und Herzegowina geleistet. Doch die Unterstützung aus Deutschland wurde weniger.

LANDKREIS. Im Januar 1996 hat sich eine Gruppe von Frauen und Männern aus der Region auf den Weg gemacht, um eine Schule mit Flüchtlingskindern in Bihac (Bosnien und Herzegowina) zu unterstützen. Nach drei Jahren Krieg sind Nahrungsmittel gebracht worden, warme Kleidung und Schulmaterial. Aus der Konvoiarbeit ist drei Jahre später das Kinderheim "Centar Duga" entstanden, das der Verein "Schutzengel gesucht" 2001 von der Kriegskindernothilfe Roth mit allen Rechten und Pflichten übernommen hat. Zum Jahreswechsel blickten die Verantwortlichen im Verein zurück.

"Wir haben gedacht, Gott hat uns vergessen": Das hat der Direktor der Kulen Vakuf-Orasac Schule in Bihac, Izmet Beciragic, gesagt, nachdem der erste Hilfskonvoi in Bihac angekommen war. Mehr als tausend Tage sind sie von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, von serbischen Tschetniks beschossen. Jeder Bleistift wurde gebraucht, jede warme Jacke, jedes Paar Stiefel.

Bei den Hilfs-Touren viel erlebt

Später lieferten die Konvoifahrer Computer, Schulmöbel, Notstromaggregate und Möbel über Möbel. Die Helfer bauten die Betten und Schränke in notdürftig reparierten Wohnungen auch auf – denn was nützt ein Bett, wenn man es nicht zusammenschrauben kann, weil man kein Werkzeug hat. Bei einer Tour ist es wegen des heftigen Schneefalls unmöglich gewesen, den Zielort zu erreichen. Doch die Soldaten der SFOR haben die Lkw der Bihac-Gruppe, wie sich die Konvoifahrer nannten, mit ihren gepanzerten Fahrzeugen über die Berge gezogen. Es mögen gut 50 Hilfskonvois gewesen sein, die in den Kanton Una Sana transportiert worden sind. Und immer hatten die Helfer einen Schutzengel dabei. Alles ist gut gegangen.

Doch im Zentralkrankenhaus in Bihac entdeckte Arno Heider aus Schwabach zwölf Kinder, die ihm gesund erschienen. "Die kannst du mitnehmen, die will hier keiner", antwortete ihm die Kinderärztin auf die Frage, was den Kindern denn fehle. so hatte die Gruppe die Idee, die Eltern dieser "vergessenen Kinder" ausfindig zu machen. Das Konzept: Wenn sich die häusliche Situation verbessert und die Familien mit dem ausgestattet werden, was fehlt, dann werden sie ihre Kinder auch wieder nach Hause holen.

Gesagt, getan. Doch in einem Fall ging die Atkion "total in die Hose", wie Günter Prantl aus Freystadt sagt. Er ist heute der Vorsitzende des später gegründeten Vereins "Schutzengel gesucht". Die Konvoifahrer fanden bei einem Kontrollbesuch ein kleines Mädchen in lebensbedrohlichem Zustand. Azra wurde unter dem Begriff "Fliegenbaby" bekannt. Dann bauen wir für Azra und die anderen vergessenen Kinder eben ein Kinderheim", sagte damals Irene Zwack aus Herzogenaurach auf der Heimfahrt nach Deutschland. Dank der Zuwendung von Hewlett Packard von damals 75.000 Mark traute sich die Bihac-Gruppe an das Projekt heran.

Admir Ljescanin, als Kriegsflüchtling nach Schwabach gekommen, wurde Projektleiter in Bihac. Er hat den Bau von "Centar Duga" (Haus Regenbogen) in Kulen Vakuf, einem Ortsteil der Stadt Bihac im Kanton Una-Sana, koordiniert. In nur neun Monaten ist das Haus entstanden, das mittlerweile für mehr als 280 Kinder (Stand 31. Oktober 2016) zur vorläufigen Bleibe wurde.

Adoptiveltern und internationale Organisationen schwärmen von dem Erziehungskonzept "Mütterliche Erziehung ohne Mutter" in "Centar Duga", das von Admir Ljescanin und Jasna Vojajovic, der Pädagogischen Leiterin, nach dem Vorbild von Emmi Pikler entwickelt worden ist. Dorothea Weinberg, Kinderpsychologin aus Nürnberg, die die Kinder regelmäßig begutachtet, sprach mehrmals von einem Wunder, welch wunderbare Genesung manche Kinder erfahren durften, die vorher an Hospitalismus erkrankt oder psychisch schwer geschädigt waren: "Das steht in keinem Lehrbuch der Psychologie."

1999 wurde in Kulen Vakuf mit der Arbeit begonnen. Fünf Kinder schliefen in der Nacht zum 1. November in "Centar Duga". "Schutzengel gesucht" ist stolz, dass es dank der Spenden aus der Region nach mittlerweile 17 Jahren noch immer besteht, denn der Krieg in Bosnien und Herzegowina fand im Dezember 1995 mit dem Vertrag von Dayton ein Ende und Bosnien ist in den Medien hierzulande kein Thema mehr.

Geld auch vor Ort erwirtschaftet

In Deutschland arbeitet der Verein ausschließlich ehrenamtlich. In Neumarkt wurde sogar ein Förderverein gegründet, dessen Vorsitzende Christine Ziegler aus Holzheim ist. Beide Vereine schafften es, jedes Jahr die rund 180.000 Euro zu sammeln, die zum Gesamtetat von 270.000 Euro für Kinder, Personal und Unterhalt benötigt werden. 90.000 Euro werden mittlerweile vor Ort erwirtschaftet. Admir Ljescanin entwickelt dazu jahr für Jahr neue Ideen. Die seit Jahren stattfindende Künstlerkolonie ist das beste Beispiel dafür.

Dass der Spendenfluss nicht nachlässt, hofft Günter Prantl inständig. Nachdem der Verein im vergangenen Jahr ob der Flüchtlingssitation einen Einbruch von 20.000 Euro verkraften musste, ist der Vorsitzende des Vereins aber überzeugt, dass "nachhaltige Hilfe honoriert wird." Mit dem Familienprojekt "Duga Care" (Jahresetat zwischen 30.000 und 40.000 Euro) dem zweiten Standbein des Vereins, "verhindern wir ja zudem, dass sich Familien ohne Zukunftsperspektive auf den Weg nach Deutschland machen, wie das vora allem im Jahr 2015 der Fall war", sagt Prantl.

Quelle: Neumarkter Tagblatt